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[Online] Tagung: Transformation, Referenz, Präsenz. Zum Wandel des Gegenwartskonzepts zwischen 1750 und 1800

— Kategorie:

Eine Veranstaltung des DFG-Graduiertenkollegs 2291 Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses

Kurzübersicht
Art des Termins
  • Tagung
Wann 18.02.2021 00:00 bis
19.02.2021 00:00
Wo via Zoom
Name Julia Mierbach und Eva Stubenrauch
Kontakt E-Mail-Adresse
Kontakttelefon 0228/73-3808
Termin übernehmen vCal
iCal

Organisation: Julia Mierbach, Eva Stubenrauch

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Programm

Programm_Tagung_Transformation_Referenz_Präsenz

Exposé

Das späte 18. Jahrhundert wird zumeist als Trennscheide zwischen einem ‚alten‘, räumlichen und einem ‚neuen‘, zeitlichen Gegenwartsbegriff gesehen. Aus dem Blick geraten sind dabei erstens (a) Übergangsmomente zwischen räumlicher und zeitlicher Konzeption von Gegenwart sowie Formen ihrer Relationierung, und zweitens (b) die Binnenkomplexität eines vermeintlich ‚naiveren‘ vormodern-räumlichen Konzepts von Gegenwart. Die Veranstaltung möchte sich dieses Desiderats annehmen und widmet sich der Frage, inwiefern sich Semantik und Pragmatik von ‚Gegenwart‘ innerhalb literarischer, kulturgeschichtlicher sowie philosophischer Diskurse zwischen 1750 und 1800 verändern. Anstatt das dominante Masternarrativ der ‚Verzeitlichung‘ neu datieren oder gar dementieren zu wollen, soll es durch einen Fokus auf die Relationsformen von Raum und Zeit sowie durch eine stärkere Perspektivierung darstellungstechnischer Dimensionen mikroperspektivisch modifiziert werden.       
 
Die Fragestellung stützt sich auf drei Ausgangsbeobachtungen: Zunächst ist festzuhalten, dass die räumliche Bedeutung von Anwesenheit auch mit dem Hinzutreten der zeitlichen Modulierung des Gegenwartsbegriffs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts keineswegs verloren geht. Stattdessen ist Gegenwart seither sowohl als Zeit-, als auch als Raumbegriff verwendbar. Zweitens geht der moderne Gegenwartsbegriff semantisch kaum in einem ‚Jetztzeitbezug‘ auf. Dies belegen zeitgleich aufkommende Begriffe wie etwa ‚Zeitgeist‘ oder ‚Zeitgenossenschaft‘, in denen der Terminus ‚Zeit‘ metonymisch für eine kollektiv geteilte ‚Gegenwart‘ verwendet wird (Lehmann/Geyer 2019); in der Metonymie erscheint dabei neben einer semantischen Dominanz des Zeitlichen gerade auch die Schwundstufe räumlicher Anwesenheitskonzepte, die zwar semiotisch überlagert, semantisch jedoch mittransportiert werden. Drittens lässt sich auch die Bedeutung der ‚alten‘ Gegenwart nicht mit demjenigen gleichsetzen, was wir heute unter Anwesenheit verstehen: Die alte Vorstellung und Darstellung gegenwärtiger Verhältnisse war vielmehr eng mit dem ästhetisch-rhetorischen Arsenal der Präsenz und Lebhaftigkeit (energeia, enargeia, hypotyposis, actualitas, evidentia) verknüpft. Gegenwart meinte also schon in ihrer alten, vermeintlich bloß räumlichen Bedeutung dasjenige, was ‚betrifft‘, und wäre insofern eine grundlegende Voraussetzung derjenigen Semantik, die man bislang ausschließlich dem ‚neuen‘, zeitlichen Begriff von ‚Gegenwart‘ vorbehalten hatte. Die Lage mutet insofern komplexer an als bisher gesehen: Gegenwart scheint sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar durchaus in nachhaltiger Weise zu wandeln, doch greift die These eines radikalen oder linearen Bruchs, der sich erschöpfend mithilfe des Paradigmas ‚Verzeitlichung‘ erfassen lässt, zu kurz.

 

Vorschlagsweise sollen alternativ zur bisherigen Beobachtungsform ‚Verzeitlichung‘ Perspektiven eingenommen werden, die einen Schritt zurücktreten und mikroperspektivisch den ‚Umbau‘ von Gegenwart im späten 18. Jahrhundert in verschiedenen Dimensionen in den Blick nehmen. Das können bspw. solche Perspektiven sein, die sich jenseits eines Raum- oder Zeitprimats auf die Analyse unterschiedlicher Relationsformen von Raum und Zeit konzentrieren. Inwieweit werden anhand des Gegenwartsbegriffs im 18. Jahrhundert bisherige Kopplungen von Raum und Zeit aufgebrochen und hierdurch andere und neue semantische und textstrukturelle Positionierungen eröffnet? Inwiefern sind Reflexionen von Gegenwart mit Fragen der Referenz(losigkeit) und Repräsentation verflochten? Welche Rolle spielt Gegenwart in Debatten um sinnliche Evidenz und für die Konstruktion ästhetischer Objekte? Wie arrangieren literarische Texte das Feld der Gegenwart im Nexus von räumlichen, zeitlichen und darstellungsbezogenen Momenten?

Die Tagung möchte Perspektiven auf verschiedene disziplinäre Zusammenhänge im Sinne kultur-, literatur- und theoriegeschichtlicher Zugriffe zusammenführen:

1) Gegenwart als Raum-Zeit-Verhältnis

Ausgehend von Innovationen in den naturwissenschaftlichen Disziplinen und der Mathematik setzen sich im Kontext der Philosophie des Deutschen Idealismus, aber auch in Herders Anthropologie, Vorstellungen von Gegenwart als transitus (Leibniz) durch. Genuin aus der Bewegung durch Zeit und Raum hervorgehend, ist Gegenwart eine dynamische Größe geworden, die eng mit Paradigmen der Kraft verflochten ist (Menke 2008). Mithilfe des Kraftbegriffs versucht beispielsweise Herder, Lessings Unterscheidung von Raum- und Zeitkünsten durch ein überwindendes poetisches Prinzip zu modifizieren (Herder 1763). Aus dem dynamischen Charakter der Gegenwart resultieren zudem Paradoxien, wie sie den ästhetisch-literarischen Denkfiguren der Verwandlung und der Metamorphose, bspw. bei Goethe und Schelling (Maatsch 2014/ Mierbach 2016), eingeschrieben sind: Gegenwart ist nur dann ‚da‘, wenn sie nicht stillsteht, wenn sie sich verwandelt, in etwas anderes übergeht; Gegenwart befindet sich stets auf der Schwelle zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Entzug von Gegenwart, die Schwierigkeit, Raum und Zeit zu koordinieren, und die Möglichkeit von Darstellung überhaupt werden zu Ankerpunkten dieser Problematik. Wie wird diese in literarischen und nichtliterarischen Texten verhandelt? Welche textuellen Strategien kommen wann zum Einsatz, um transitorische Gegenwartsvorstellungen der Erfahrung zuführen zu können?

2) Gegenwart und Referenz

Gegenwart wird im 18. Jahrhundert zunehmend zur Referenzgröße für soziale und kulturelle Gemeinschaften (Lehmann/Geyer 2019). Gleichzeitig lässt sich jedoch beobachten, dass mit der Veränderung der Gegenwartskonzeption, die sich in der substantivischen Begriffsbildung ‚Gegenwart‘ niederschlägt, eine Transformation im Denken zeichenvermittelter Repräsentation einhergeht. Zeitgleich zur Emergenz des Gegenwartsbegriffs wird die referentielle Leistung von Zeichen und somit auch von sprachlichen Zeichen virulent (Albes 2003).

Wenn mit ‚Gegenwart‘ um 1800 zudem die Synthese realweltlicher Begebenheiten erforderlich wird, die Bezugnahme auf die Welt seit Leibniz jedoch nurmehr als perspektivisch, nicht als total konzeptualisiert wurde, scheinen Gegenwart und Referenz von Beginn an ein problematisches Verhältnis zu unterhalten: Der point de vue vermittelt seit Leibniz zwischen der abbildenden Vorstellung von Welt – wobei die Repräsentation bei Leibniz noch in natürlichem Verhältnis zum Repräsentierten, respektive einer qualitativen Korrespondenz steht (Scheerer 1992) – und dem Zweifel an gesicherten Aussagepunkten, mithin der Darstellung des Perspektivischen. In der Rezeption Kants entwickelt sich die Problematik der Synthese zwischen konstruierendem Selbst und empirisch abgesicherter ‚Welthaltigkeit‘ der Erkenntnis in der Hypotypose fort (van Reijen 1994): Schema und Symbol sind dabei als Versuche der Veranschaulichung des subjektzentrierten Zugangs zur Welt zu verstehen. Deutlich wird also, dass mit der Referenz auf Gegenwart im 18. Jahrhundert ein Problembewusstsein über die Situiertheit von Erkenntnis und Darstellung einhergeht und Konzepte der Veranschaulichung und Vergegenwärtigung tief in Strategien des Gegenwartsbezugs verankert sind. Anschließen lassen sich Fragestellungen über das – aus der Rezeption dieses Problembereichs entstandene – Verhältnis von Referenz und Selbstreferenz in der romantischen Literatur und Theoriebildung sowie über medienspezifische Formen der Referenz wie bspw. dem Panorama als Überwindung von Perspektivität.

3) Gegenwart als Funktion ästhetischer Objekte und Zeichenstrukturen

Gegenwart wird im 18. Jahrhundert intensiver als zuvor auf ästhetische Objekte und sinnliche Strukturen bezogen. Zwar war Gegenwart, in ihrer ‚alten‘ Bedeutung von Anwesenheit und Präsenz, immer schon eng verbunden mit Fragen nach Darstellung. Allerdings erhält sie im Zuge der Rehabilitation der sinnlichen Erfahrung, der aisthesis, durch die Aufklärung eine neue Relevanz. So wird Gegenwart im Kontext der Denkfiguren der energeia (sinnlicher Präsenz), der enargeia (Lebhaftigkeit) und der evidentia (‚vor Augen stellen‘) (Campe 2007) zum ausschlaggebenden Kriterium für ästhetische Strukturen erhoben, zu denen neben literarischen Werken auch erfahrungswissenschaftliche Praktiken wie das Experiment gehören. Zu denken wäre hier an das Moment des Auftritts von Figuren im Drama (Vogel 2017), oder an die Kopplung von Präsenz und Stärke von Emotionen in den Aufklärungspoetiken, wie man sie bspw. in Johann Jakob Engels Mimik vorfindet. Dass Gegenwart zum Leitkriterium sinnlicher Darstellung – und somit auch von literarischen Texten – erhoben wird, findet auch in der Ästhetik Alexander Gottlieb Baumgartens insofern eine Resonanz, als die Vergegenwärtigungsprozesse mithilfe der phantasia eine zentrale Funktion erhalten. Eine weitere Dimension dieser verstärkten Relevanz von Gegenwart im Zuge der sinnlichen Erkenntnis zeigt sich in den Sammlungs- und Ordnungspraktiken der Naturgeschichte. Hier wird deutlich, dass sinnliche Gegenwart nicht mehr notwendigerweise mit der Repräsentation metaphysischer Ordnung einhergehen muss. So verweisen die Orte der einzelnen Objekte in Verzeichnissen, Tableaus und Herbarien um 1800 nicht mehr auf ihren naturgemäßen Ort, sondern auf den Moment ihres Fundes durch den Naturhistoriker (Müller-Wille 2015). Ähnlich wie man in Bezug auf Goethes Tagebücher vermuten kann, geht es hier insofern um die Archivierung und Ausstellung einer emanzipierten Gegenwart. Hier wäre etwa zu fragen, auf welche Weisen Gegenwart im Einzelnen zum neuen Ordnungsgesichtspunkt gemacht wird und was dies rückwirkend für die mediale Dimension der Ordnungs- und Sammlungspraktiken bedeutet, bspw. für das Ineinander von Schrift und Bild, Aufzeichnungsroutinen und Darstellungsformen. Wie sind zudem Übergänge von kosmologischer zu nachkosmologischer ‚Gegenwartsordnung‘ beschaffen?

 

 

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