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Forschungsidee

des Graduiertenkollegs Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses

Inhaltsverzeichnis

Forschungsidee und Leitthema

Gegenwartsliteraturforschung und (ihre) Desiderate

Forschungsvorhaben und methodische Prämissen

Diachrone Herangehensweise

Komparatistische Perspektive

Praxeologische Perspektive


Forschungsidee und Leitthema

Das gesamte Vorhaben ist überfällig: Die theoretisch-systematische, historische und praxeologische Erforschung der Konzeptualisierungen von ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘ sowie des Verhältnisses von ‚Gegenwart‘ und ‚Literatur‘ in international vergleichender, synchroner und diachroner Perspektive ist ein Desiderat. Zwar hat die literatur- und kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur seit einiger Zeit Konjunktur, eine umfassende theoretische, historische und praxeologische Erforschung von ‚Gegenwartsliteratur‘ steht aber aus. 
 
Hier setzt das Graduiertenkolleg an und untersucht, was ‚Gegenwart‘ jeweils ‚ist‘, wie, wann und in welchen Kontexten reflexive Begriffe wie ‚die Gegenwart‘, ‚the present‘, ‚le présent‘ (und semantisch verwandte Konzepte wie ‚Zeitgeist‘, ‚genius of time‘, ‚Zeitgenossen‘, ‚contemporariness‘, ‚fellow-moderns‘ etc.) entstehen, generiert werden, sich verändern oder fehlen. Dies gilt sowohl im Hinblick auf soziale, mediale und diskursive Rahmenbedingungen der Reflexions- und Darstellungsformen von lokaler, nationaler und globaler gesellschaftlicher Zeit als auch im Hinblick auf die jeweiligen Voraussetzungen für und die Effekte auf die Gegenwartsliteraturen. Umgekehrt gilt, dass Literaturen, Literaturkritiken und Literaturwissenschaften ihrerseits als Praktiken der Konstitution und Reflexionsmedien von ‚Gegenwart‘ eine zentrale Rolle spielen. Da diese in ihren jeweiligen medialen, praktischen und diskursiven Voraussetzungen mit der historisch variablen Erzeugung, Reflexion und Dokumentation von ‚Gegenwart‘ in besonderer Weise verbunden sind, nimmt das Graduiertenkolleg folgerichtig Praktiken der Hervorbringung von Gegenwart und von Gegenwartsliteratur in den Blick, um so die Akteure, Werkstätten, Labore, die Szenen und Handlungsfelder und die an diese gebundenen Verfahren der Herstellung von Gegenwartsliteratur theoretisch und historisch informiert und durch vielfältige Kooperationen beobachten und reflektieren zu können. Dieser praxeologische Teilbereich des Kollegs verbindet das Forschungsprogramm nahtlos mit einem innovativen und praxisnahen Qualifizierungskonzept.
 
Das innovative Potential und das zentrale Alleinstellungsmerkmal des Graduiertenkollegs liegen in der historisch, theoretisch und praxeologisch grundlegenden Erforschung des Problemkomplexes von ‚Gegenwart‘, ‚Gegenwartsliteratur‘ und Gegenwartsliteraturforschung von der Frühen Neuzeit bis heute. Es schließt eine Lücke sowohl in der deutschen als auch in der europäisch-nordamerikanischen Forschung. Der Arbeitsrahmen eines Graduiertenkollegs ermöglicht die methodisch unabdingbare Konfrontation von historischen bzw. gegenwartsbezogenen Einzelfall- oder Vergleichsstudien einerseits und theoretischer Reflexion (historische Semantik, Theorien gesellschaftlicher Temporalitätsstrukturen, Sozial-, Wissens- und Mediengeschichte, Theorien der Präsenz und ihrer Effekte etc.) andererseits. 
 
Die systematische, historische und praxeologische Analyse des Konzepts ‚Gegenwartsliteratur’ impliziert außerdem ein sowohl philologisches als auch kulturwissenschaftliches Ziel: Die Bündelung jener Fragen, die von Gegenwartsliteraturforschung und Literaturgeschichte bisher weitgehend ausgeblendet werden, ermöglicht zum einen die Reflexion des akademischen und außerakademischen Umgangs mit ‚unserer Gegenwartsliteratur‘ und zum anderen die längst überfällige Erforschung der Historizität von ‚Gegenwart‘, ‚Gegenwartsliteratur‘ und ‚Gegenwartsliteraturforschung‘ selbst. Gerade in der Konfrontation beider Perspektiven liegt das Innovationspotential des Forschungsprogramms, das nicht nur systematische Impulse für die Gegenwartsliteraturforschung, sondern auch für die Literaturgeschichtsschreibung und die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft geben wird.
 
 
 

Gegenwartsliteraturforschung und (ihre) Desiderate

‚Gegenwartsliteratur‘ ist in unserer unmittelbaren Gegenwart zu einem immer stärker erforschten Gebiet geworden. Konnte noch 2003 davon gesprochen werden, dass Gegenwartsliteratur „kein etablierter Gegenstand der Literaturwissenschaft“1 sei, rückt sie zurzeit mehr und mehr ins Zentrum der literaturwissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Neben der institutionellen Verankerung in Professurdenominationen und Studiengängen gibt es im vielen europäischen Ländern eigens der Gegenwartsliteratur gewidmete Zeitschriften u. a. Formate.
 
Gleichwohl sind weiterhin alte Vorbehalte in Kraft: Die neueste Literatur der jeweils ausdehnungsvariablen Gegenwart liegt für die ihr zeitgenössische Literaturwissenschaft vermeintlich zu nah, als dass sie wissenschaftlich beobachtet werden könnte. Die Literaturwissenschaft verstricke sich, wenn sie sich mit der ihr gegenwärtigen Literatur beschäftigt, notwendig in nicht mehr eindeutig wissenschaftliche kommunikative Verhältnisse, die medial bzw. gattungstheoretisch eher dem Feuilleton oder dem Essay zuzurechnen sind, die sozial externen Kanonisierungsinteressen dienen oder unreflektierten „Befindlichkeiten“2 Ausdruck verleihen. Auf dem Spiel steht mithin stets die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft selbst.
 
Dieses Problem entsteht jedoch vor allem, weil die Historizität und die praxeologische Analyse der Beziehung zwischen Literatur und Gegenwart vernachlässigt werden. Die Klagen über den fehlenden historischen Abstand zur Literatur der Gegenwart bedeuten insbesondere, dass die Kanonisierung vermisst wird, sodass sich die Literaturwissenschaft mit dem Risiko konfrontiert sieht, Gegenstände ohne bereits gesichertes symbolisches Kapital und unter Berücksichtigung der divergenten Interessen gegenwärtiger Institutionen und lebender Personen bearbeiten zu müssen. Dafür aber, dass die Literaturwissenschaft sich nicht wissenschaftlich mit Texten, Kontexten und Textpraxen ihrer eigenen Gegenwart auseinandersetzen kann, gibt es keinen triftigen Grund: Auch Romane, die gerade erst erschienen sind, lassen sich mit erzähltheoretischen, stilkritischen, gattungstheoretischen, motiv- und stoffgeschichtlichen, sozialgeschichtlichen etc. Parametern beobachten. Man kann im Gegenteil den experimentellen, hypothetischen Umgang mit gerade neu erschienener Literatur als Paradebeispiel für den philologischen Umgang mit Literatur generell betrachten, der vielfältige Unterschiede macht, der Unscheinbares und vermeintlich Unauffälliges beobachtet, Texte und Textgruppen durch die Einbindung in Linearitäten des Schreibprozesses, der Werkbiographie und der Literaturgeschichte historisiert. So ließe sich die Wissenschaftsgeschichte der je jüngsten Literatur als Beispiel für die Auseinandersetzung um das Prestige von Texten und Textpraktiken generell rekonstruieren.
 
Allerdings impliziert das die Bereitschaft, die aus der Vergangenheit stammenden Analysekategorien in der Auseinandersetzung mit neuer Literatur (und womöglich neuen Formen, Institutionen, Medien und Globalisierungseffekten) auch in ihrer Historizität zu reflektieren bzw. zu modifizieren – so wie es im Übrigen auch in der Vergangenheit (neuartige) Texte (und deren Darbietungsmodalitäten) selbst waren, die in ihrer Gegenwart zugleich neue Analysekategorien für den Umgang mit zeitgenössischen Texten geschaffen haben: Es ist „Goethe, der die Goethe-Philologie erfindet; Kleist entwirft das Modell eines genialen Lesers; die Romantiker sind die Gründungsväter der Philologie“3; die modernistischen Poetiken eines Ezra Pound und T.S. Eliot haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung des New Criticism; der russische Futurismus bereitet der formalistischen Literaturtheorie den Weg; und experimentelle Vokalmusik lenkt den analytischen Blick verstärkt auf die pragmatische, mediale und materielle Dimensionen von Sprache und Literatur. Diese intensive Rückkopplung war bisher, von einigen punktuellen Ausnahmen abgesehen, so gut wie unerforscht, wird aber in allerjüngster Zeit endlich intensiv erkundet.
 
Erforderlich ist weiterhin die Entwicklung, Ausweitung und Übertragung schon vorhandener praxeologischer Zugänge, die eine undogmatische Neuperspektivierung des umrissenen kulturwissenschaftlichen Komplexes versprechen. Als Paradigma der Wissenschaftsforschung einerseits und generell der Beobachtung kultureller Phänomene andererseits  verknüpfen praxeologische Leitkonzepte die uns interessierenden Felder: Routinisierte Handlungsformen, Kooperationstechniken und -medien , implizites Wissen, das sich in Gemeinplätzen niederschlagen kann, kollektive oder individuelle Gestimmtheiten, Körperpraktiken sowie epistemische Objekte prägen in den diversen Handlungsfeldern des literarischen Lebens (Autorschaft, Verlag, Presse, Förderinstitutionen, Theater, Publikum) und der Universität (Lehre, Forschung, Öffentlichkeitswirksame Maßnahmen (‚public scienceʻ)) ‚Gegenwartsliteratur‘ aus. Dies alles ist Gegenstand einer praxeologisch verstandenen Gegenwartsliteraturwissenschaft. Hier gilt es, den „Akteuren (zu) folgen“4, um zu lernen, welche innovativen Assoziationen und Produkte gegenwärtig und historisch in Auseinandersetzungen mit je unterschiedlich konzipierter Gegenwart entwickelt werden.
 
Was im Rahmen der aktuellen Beschäftigung mit ‚Gegenwartsliteratur‘ ebenfalls erst in Ansätzen existiert, ist die umfassende Reflexion des Gegenstands ‚Gegenwartsliteratur‘ und der komplexen Beziehung zwischen ‚Gegenwart‘ und ‚Literatur‘. Es ist ein Symptom für die „geringe Neigung zu einer theoriegeleiteten Selbstreflexion“5 der Gegenwartsliteraturforschung, dass die vielerorts erörterte Frage, was Gegenwartsliteratur sei, fast automatisch als Frage nach den Grenzen einer Epoche der Gegenwartsliteratur gestellt wird. Die Gegenwartsliteraturforschung ist sogar da, wo sie in Ansätzen selbstreflexiv wird, überwiegend epochenfixiert und sie ist nicht zuletzt aufgrund der Dominanz thematischer Interessen weitgehend blind für das zeitphilosophische, epistemologische, begriffs-, diskurs-, form- und praxisgeschichtliche Problem der ‚Gegenwart‘. Ausnahmen von diesem Befund bilden die narratologisch und fiktionstheoretisch fundierten Arbeiten von Avanessian und Hennig zum Präsensroman,6 Stepaths philosophische und narratologische Arbeit zu Gegenwartskonzepten und temporalen Strukturen7 sowie Pauses8 und Kühns9 zeitfokussierte Arbeiten zur jüngsten deutschsprachigen Literatur.
 
Auch für die begrifflichen Äquivalente in den anderen europäischen Literatursprachen gilt, dass sie als Zeitspannen festgelegt werden: Das englische ‚contemporary literatureʻ und das französische ‚littérature contemporaineʻ verweisen auf den Zeitraum seit der Moderne bzw. seit den 1920er Jahren oder auf die Periode nach 1945, manchmal auch auf die Zeit der 1960er Jahre; es gibt daher bereits den Begriff ‚post-contemporary‘. Das russische ‚sovremennaja literaturaʻ meint als Periodisierungskonzept die Literatur, die nach 1945 entstanden ist. In jüngeren skandinavischen Literaturgeschichten wird das norwegische (schwedische und dänische) ‚samtidslitteraturʻ verwendet, um auf die seit 1970 erschienene Literatur zu verweisen. Das spanische ‚literatura contemporáneoʻ wird in literaturgeschichtlichen Zusammenhängen gar verwendet, um den großen Zeitraum seit der Französischen Revolution zu markieren. 
 
Die Literaturwissenschaft ist in ihrer Hinwendung zu mehr oder weniger kanonisierten Texten der Vergangenheit ihrerseits weitgehend uninteressiert an der Tatsache, dass sie es mit Texten vergangener ‚Gegenwarten‘ zu tun hat, mehr noch: dass nicht nur die Literatur, sondern auch die ‚Gegenwart‘ selbst eine Geschichte hat. Das gilt einerseits für den Zeitbegriff ‚Gegenwart‘, der erst mit der reflexiven Verzeitlichung um 1800 entsteht, das gilt andererseits auch für die veränderlichen Bezugnahmen von dem, was jeweils ‚Literatur‘ genannt wird, auf seine jeweilige Gegenwart. So gibt es bis heute, trotz Sozial- und Diskursgeschichte und New Historicism, keine systematische Darstellung der Geschichte literarischer Gegenwartsbezüge, d.h. keine Geschichte der Weise, wie sich literarische Texte zu ihrer ‚Gegenwart‘ verhalten.

1   Sorg, Reto/Mettauer, Adrian/Proß, Wolfgang (Hrsg.): Zukunft der Literatur – Literatur der Zukunft. München 2003.
2   Zanetti, Sandro: Welche Gegenwart? Welche Literatur? Welche Wissenschaft? Zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur. In: Brodowsky, Paul/Klupp, Thomas (Hrsg.): Wie über Gegenwart sprechen? Überlegungen zu den Methoden einer Gegenwartsliteraturwissenschaft. Frankfurt am Main 2010.
3   Ebd.
4   Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt am Main 2010.
5   Eke, Norbert Otto: Beobachtungen beobachten. Beiläufiges aus germanistischer Sicht zum Umgang mit einer Literatur der Gegenwärtigkeit. In: Bierwirth, Maik/Johannsen, Anja/Zeman, Mirna (Hrsg.): Doing contemporary literature. Praktiken, Wertungen, Automatismen. München 2012. 
Siehe auch: Spoerhase, Carlos/Martus, Steffen: Die Quellen der Praxis. Probleme einer historischen Praxeologie der Philologie. In: Zeitschrift für Germanistik. Berlin 2013.
6   Vgl. Avanessian, Armen/Henning, Anke: Präsens. Poetik eines Tempus. Zürich 2012.
7   Vgl. Stepath, Katrin: Gegenwartskonzepte. Eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Analyse temporaler Strukturen. Würzburg/Kiel 2006.
8   Vgl. Pause, Johannes: Texturen der Zeit. Zum Wandel ästhetischer Zeitkonzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Köln/Weimar/Wien 2012.
9   Vgl. Kühn, Ralf: TempusRätsel zum TempusWechsel. Moderne Zeitdiskurse und Gegenwartsliteratur zwischen Berechnung und Verrätselung der Zeit. Freiburg/Tübingen 2004.

 
 

Forschungsvorhaben und methodische Prämissen

Das Graduiertenkolleg fasst vor dem Hintergrund dieses doppelten Forschungsdefizits ‚Gegenwartsliteraturforschung‘ historisch und systematisch grundsätzlicher. Statt Begriffe wie ‚Gegenwart‘ bzw. ‚Gegenwartsliteratur‘ vorauszusetzen, soll hier nach den diskursiven, medialen und praktischen Fundamenten ihrer Artikulation gefragt werden. Dies erst eröffnet den Blick auf basale Entscheidungen, welche die Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur und ihren Voraussetzungen ermöglichen und verhindern. Entsprechend werden die zentralen Dimensionen des Begriffs der ‚Gegenwartsliteraturforschung‘ in grundlegender Weise entfaltet: Dazu gehört die Frage nach der historisch kontingenten Zeitform ‚Gegenwart‘ selbst ebenso wie die Frage nach der jeweiligen Beziehung zwischen Literatur und ‚Gegenwart‘. Es muss außerdem nach den Voraussetzungen, Implikationen und Folgen der Konstitution von ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘ gefragt werden und danach, ob und wie diese jeweils zu Gegenständen kultur- und literaturwissenschaftlicher Forschung gemacht werden. Im Zentrum steht somit die Frage, wie die Beziehung zwischen ‚Literatur‘ und dem, was zu unterschiedlichen Zeiten als ‚Jetztzeit‘, ‚Gegenwart‘ etc. gefasst wird, jeweils artikuliert wird. Ziel der Analyse ist es, die jeweiligen Modalitäten dieser Bezugnahmen zu erforschen und nach den Aussageregeln zu fragen, welche ihnen jeweils zugrunde liegen. Zu analysieren sind die „figuralen Fundamente“ bzw. die „Anweisungen“1, die die Form der Aussagen zur Gegenwart und zur Beziehung von Literatur und Gegenwart steuern. Genauso ist zu fragen, wie implizites Wissen, Praktiken der Referenz und Aktantenmodelle die literarischen Texte mit ‚ihrer’ Gegenwart verknüpfen. Dieser Fokus besitzt den Vorzug, dass er die entstehenden Dissertationen in konkrete Textanalysen führt, insofern solche Aussageregeln nur ausgehend von extensiven und intensiven Textlektüren selbst abstrahiert werden können.
 
Zu den genannten Fundamenten gehört es, Gegenwartskonzepte nicht im Einklang mit einem vertrauten Grundnarrativ, demgemäß ‚Moderne‘ das Dominantsetzen von Verzeitlichung und das Zurücktreten räumlich-lokaler Bezüge meint, auf die Prädominanz von Temporalität zu verpflichten. Ganz im Gegenteil muss die Analyse offenlassen, wie temporale und räumliche Bezugnahmen in den unterschiedlichen Gegenwartsbezügen miteinander verbunden werden. So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, kulturkritische Gegenwartsreflexionen insofern kaum ohne die sachlich-räumliche Gegenwartskonzeption zu verstehen, als die kulturkritisch diagnostizierten Mängel der eigenen Gegenwart fast immer die Abwesenheit einer kulturellen Synthese meinen, die als Zusammenhang der in ihrer Zeit und an ihrem Ort substanziell Anwesenden und Sprechenden gedacht ist. Entsprechend führt z. B. die ‚überwältigende’ Anwesenheit von antiquarischen und exotischen Sammlungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur zu spezifischen Verzeitlichungsmustern, sondern auch zu Erfahrungen einer ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen’. Diese bildet zu Beginn des 21. Jahrhunderts zusammen mit dem Spatial turn ein Spannungsverhältnis zu wiederkehrenden Beschleunigungspostulaten in gegenwartsdiagnostischen Diskursen. Die situativ-räumliche Dimension impliziert zudem ein Augenmerk für jene historischen und gegenwärtigen Verfahren, mit denen in verschiedenen Äußerungsformen die Präsenz literarischer Texte und die materiale „Spürbarkeit&ldquo (Jakobson) ihrer Zeichen behauptet wird: Programmatiken von politischer und engagierter Literatur im Zusammenhang mit den europäischen Revolutionen um 1848 oder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Reintegration von ‚Kunst’ und ‚Leben’ in Wagners Konzept des Musikdramas, in den lebens- und staatsästhetischen Konzeptionen der europäischen Avantgarden, den Simultanszenen der Literaturoper und des experimentellen Musiktheaters bis hin zu den ‚sprach‘- und ‚klanginstallatorischen’ Arbeiten z. B. Lawrence Weiners, Thomas Klings, Christina Kubischs oder Barbara Köhlers stehen für Verfahren literarischer Präsenzerzeugung in mündlichen, schriftlichen und multimedialen Settings. Eine gewisse Nähe unterhält das Graduiertenkolleg daher zu den breit geführten Debatten um ästhetische Präsenz. Sie richten sich bekanntlich gegen das (poststrukturalistische) Primat einer reinen Immanenz der Zeichenwelt und der Textualität, um demgegenüber die Dimension des sinnlichen (oftmals klanglichen) Erscheinens, der leibhaften Materialität und des evidenten ‚Sich-Zeigens‘ als Erfahrung einer von keiner Vermittlung getroffenen Gegenwärtigkeit zu betonen. Das Kolleg verzichtet allerdings auf eine derartige Vorentscheidung bzgl. des Präsenzbegriffes, weil die phänomenologischen, vitalistischen und zeichenkritischen Hintergrundannahmen dieser Präsenzdebatte zum Gegenstandsbereich gehören und in die historische Semantik, zumal in die der Zeit um 1900, zurückführen und insofern ihrerseits zu historisieren sind.
 
Dieses Forschungsprogramm kann dann auf der Grundlage solcher Untersuchungen zum Problem der Literaturgeschichte zurückkehren, indem womöglich ganz andere Linien, Kontinuitäten oder Brüche sichtbar werden als diejenigen, die in den heutigen Epochenbegriffen dominieren. Denn gerade das, was auf einer tieferen, generativen Ebene der Kultur im Hinblick auf die Beziehung von Literatur und Gegenwart zu untersuchen ist, die Figuren der Referenz und die Diskursivierung von Referenzobjekten, wird in den von politisch-gesellschaftlichen Datierungen hergenommenen Epochenbegriffen (nach 45, nach 68, nach 89, nach 2001) immer schon vorausgesetzt. Insofern ist das Verhältnis von Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur versuchsweise anders zu konzeptualisieren: als Geschichte der Begründung und Aktualisierung von historischen Gegenwartskonzepten. Statt mit einer sich fortwährend verschiebenden Epoche ‚der‘ Gegenwartsliteratur hätte man es mit einer Abfolge von Transformationen zu tun, in denen (1) neuartige Gegenwartsbezüge, (2) Reaktualisierungen älterer Bezugsmuster und (3) Cluster‘ synchron konkurrierender Gegenwartsmodelle, deren Heterogenität innerhalb desselben historischen Feldes die Identität einer gegenwartsliterarischen Epoche ohnehin unhaltbar werden lässt, unterschieden werden müssen.
 

So gehört es zu den Ambivalenzen der frühen Moderne, dass ihr emphatischer Gegenwartsbezug in semantischen Traditionen zum Ausdruck kommt, die Revolutionsallegorien des 18. Jahrhunderts verpflichtet sind. Das gilt auch bereits 100 Jahre früher für das Verhältnis der britischen Romantiker zum (Neo-)Klassizismus. Offenbar speisen sich ästhetische Gegenwartskonzepte auch aus einem Archiv von bereitliegenden Artikulationsmustern (Topik, doxai), die nach zu explorierenden Regeln, Routinen und auf der Grundlage impliziten Wissens (re-)aktualisiert werden. Ähnliches ließe sich für die Gegenwartsermächtigungen der Avantgardebewegungen zeigen, die – wie das Beispiel des Futurismus lehrt – nicht als schlichte Mythenfeindlichkeit zu verstehen sind. Ganz im Gegenteil entfacht die 1909 von Marinetti proklamierte „Geburt des Kentauren“ eine symbolische Kriegsführung, die um die ‚richtigen‘ Mythen kämpft, indem sie die älteren, ‚passatistischen’ Mythen aggressiv überschreibt oder zerstört.


1  Stöckmann, Ingo: Gegenwarten 1900. In: Brokoff, Jürgen/Geitner, Ursula/Stüssel, Kerstin (Hrsg.): Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Göttingen 2016.

 

Diachrone Herangehensweise

Es liegt auf der Hand, dass für ein solches Projekt die Epochenschwelle ‚um 1800‘ und die hier seit langem beobachteten Prozesse der Verzeitlichung eine zentrale Rolle spielen. Hier entsteht ein reflexives Gegenwartsbewusstsein, das dieses von Vergangenheit und offener Zukunft gleichermaßen unterscheidet und das die Einheit von Kontinuität und Prozessualität einerseits und Bruch, Schnitt, Riss, Stauung und Verschiebung andererseits begründet. Will man jedoch diese Moderneschwelle nicht in einer letztlich unerklärten Emergenz belassen, dann sind sowohl ältere als auch neuere Entwicklungen, Kontinuitäten und Zäsuren zu erforschen. So zutreffend es ist, dass die Temporalisierung der kulturellen Semantik ein Produkt des ‚sattelzeitlichen‘ 18. Jahrhunderts ist, so deutlich ist in den vergangenen Jahren geworden, dass dieses Basisnarrativ wesentliche Transformationsprozesse, die sich bereits früher ereignen, verdeckt. Im internationalen Kontext zeigt sich das paradigmatisch an der Querelle des anciens et des modernes, die ‚um 1700’ besonders in Frankreich, Italien und in England die Entstehung eines neuen Gegenwartsbewusstseins indiziert. Bezogen auf den deutschsprachigen Raum ist vor allem auf das notorisch ‚schwierige‘ Feld zwischen 1690 und 1730 zu verweisen. In dieser ‚ersten Sattelzeit‘ lassen sich Teilprozesse beobachten, deren Einheit in dem Versuch zu sehen ist, Verzeitlichungen gegen eine Tradition anzusetzen, die Zeit noch primär als Entfaltung eines Sachzusammenhangs konzipiert. Dazu gehört im Allgemeinen der Umbau von einer von Endzeiterwartungen geprägten Zukunftssicht zu einer säkularen Geschichtsauffassung; im Besonderen zählen aber auch die Veränderungen in der Organisationsweise der überlieferten Regelpoetik dazu. Sie ‚vergegenwärtigt‘ nicht nur den Kanon ihrer Musterautoren – Opitz statt Horaz oder Vergil –, sondern beginnt ihre überhistorischen Kategorien allmählich auch an der Literatur der Gegenwart auszurichten. So ist die Polemik, die sich zwischen Gottsched und seinen Schweizer Kontrahenten Bodmer und Breitinger an der Bewertung von Miltons Epos Paradise Lost entzündet, als Frage zu verstehen, ob die Beobachtungspotenziale des poetologischen Paradigmas (Mimesis, Wahrscheinlichkeit, das ‚Wunderbare‘ etc.) für die aktuelle Literaturproduktion noch tauglich sind – und dies aus Anlass eines bereits 1667 veröffentlichten, aber nach 1730 ‚aktualistisch‘ vergegenwärtigten Textes. Auf der Grundlage der neueren Forschung über Aktualität und Zeitbewusstsein im 17. Jahrhundert wären die Kasualdichtung wie überhaupt die Kategorie der ‚Gelegenheit‘ neu zu untersuchen, aber auch Praktiken der Vergegenwärtigung in der Moralistik, im Roman (z. B. im „Geschicht-Roman“ Eberhard Happels1), im Theater (vom Schultheater über das Jesuitentheater bis hin zum barocken Trauerspiel) oder in den Moralischen Wochenschriften.
Zu analysieren wäre also, wie sich Referenzen auf zeitlose Normen zugunsten argumentativer und praktischer Strategien von Beobachtungen verschieben und wie dann ‚Beobachtung‘ selbst zur Funktion von ‚Literatur‘ wird. Eine Vorreiterrolle bezüglich dieser Umstellung kommt möglicherweise dem europäischen Diskurs der Moralistik zu. Bei Macchiavelli, Castiglione, Montaigne, La Rochefoucauld, Bacon u. a. werden die überlieferten Topoi exemplarischen Verhaltens durch anthropologisches Beobachtungswissen ergänzt bzw. ersetzt, das kluge und flexible Handlungsorientierung in einer zunehmend als wandelbar erfahrenen Gegenwart ermöglichen soll. Mit der Essayistik wird zugleich ein Schreibverfahren entwickelt, das als Instrument einer solchen gegenwartsorientierten Wissensbildung fungiert. Bis in die (Post-)Moderne hinein fungiert der Essay als ein privilegiertes literarisches Medium zur Herstellung von Gegenwartsbezüglichkeit. An die Stelle des sattelzeitlichen Masternarrativs kann so ein komplexeres Bild von Schüben, Iterationen oder auch längerfristigen Kontinuitäten treten. Und so wie um ihre Vorgeschichte ist die Sattelzeit auch um ihre Nachgeschichten um 1900 bzw. im 20. Jahrhundert zu ergänzen.

 1 Egenhoff, Uta: Berufsschriftstellertum und Journalismus in der Frühen Neuzeit. Eberhard Werner Happels Relationes Curiosae im Medienverbund des 17. Jahrhunderts. Bremen 2008.
 
 

Komparatistische Perspektiven

Das Forschungsprogramm bedarf selbstverständlich der Einbindung in eine komparatistische Perspektive. Sie ist in mehrerlei Hinsicht notwendig. Auf einer basalen begriffsgeschichtlichen Ebene ist sie schon deshalb unumgänglich, weil es in vielen europäischen Literatursprachen kein exaktes Äquivalent für den deutschen Begriff ‚Gegenwartsliteratur’ gibt. Viele der dort verwendeten Konzepte – das gilt etwa für das englische ‚contemporary literatureʻ, das französische ‚littérature contemporaineʻ, das italienische ‚letteratura contemporaneaʻ, das spanische ‚literatura contemporáneaʻ, das russische ‚sovremennaja literaturaʻ, das polnische ‚literatura współczesnaʻ sowie das norwegische (schwedische und dänische) ‚samtidslitteratur‚ – sind wörtlich als ‚zeitgenössische Literatur’ zu übersetzen. Sie akzentuieren den Aspekt der ‚Zeitgenossenschaftʻ und verweisen somit auf einen anderen Modus von Gegenwartsbezug als der deutsche Begriff ‚Gegenwartsliteratur’. Doch auch innerhalb des semantischen Feldes der ‚Zeitgenossenschaftʻ gibt es große, historisch und kulturell bedingte Unterschiede. Für den französisch- und englischsprachigen Bereich ist etwa die enge Kopplung von ‚littérature contemporaineʻ bzw. ‚contemporary literatureʻ an den Begriff des Modernen zu beachten. Sie ist u. a. darauf zurückzuführen, dass das Gegenwartsbewusstsein in Frankreich und England historisch maßgeblich von der Querelle des anciens et des modernes bestimmt wurde. In französischen und englischen Verwendungsweisen des Moderne-Konzepts ist das Etymon des Wortes (lat. modo = gerade jetzt) stets präsent; es beinhaltet mithin in emphatischer Weise einen Gegenwartsbezug und wird als Synonym zu ‚contemporainʻ/‚contemporaryʻ aufgefasst.
Das hat zum einen zur Folge, dass programmatische Verlautbarungen zur Moderne häufig wichtige Reflexionen auf literarisch-künstlerische Gegenwartsbezüge enthalten – exemplarisch etwa in einem Text wie Charles Baudelaires Le peintre de la vie moderne, wo sowohl ein spezifisches Zeitkonzept der Gegenwart (Flüchtigkeit, Plötzlichkeit) als auch eine korrespondierende Ästhetik entwickelt werden. Ähnliches ließe sich auch für James Joyce und Virginia Woolf zeigen. Das bedeutet zum anderen eine Weichenstellung für die Art und Weise, wie Gegenwartsliteratur wissenschaftlich erforscht wird: Sie erfolgt in Frankreich und England sehr oft im Tandem mit der Moderneforschung, wie sich an der Benennung von Lehrprogrammen und Studiengängen (vgl. die vielen Master- und Doktorand*innenprogramme für „Modern and Contemporary Literature“ an englischsprachigen Universitäten) oder an der Denomination von Professuren zeigt (der Lehrstuhl für Gegenwartsliteratur am Collège de France bspw. heißt „Littérature française moderne et contemporaine: Histoire, critique, théorie“).
Diese enge Verflechtung des Zeitgenössischen mit dem Modernen ist jedoch in anderen Literatursprachen nicht in dem gleichen Maße zu beobachten. Im Italienischen etwa wird der Begriff ‚letteratura contemporaneaʻ eher dazu verwendet, die jüngst erschienene Literatur von der ‚letteratura modernaʻ abzugrenzen. Auch im Russischen steht ‚sovremennaja literatura‘ zur Literatur des ‚modernizm‘ in einer Spannungsbeziehung: Der Begriff ‚modernizm‘ ist tendenziell negativ konnotiert (eine Erbschaft der sowjetischen Literaturwissenschaft und ihrer Kritik an ‚bürgerlichen Formexperimenten’), während ‚sovremennaja literatura‘ mit den Aspekten des Engagements sowie des aktuellen Gegenwarts- und Wirklichkeitsbezugs verbunden wird – und dies bereits seit den 1840er Jahren, als der prominente Literaturkritiker Vissarion Belinskij das Konzept in der Auseinandersetzung mit dem angeblichen Eskapismus der Romantiker als Kampfbegriff profilierte. Neben dem Begriff ‚sovremennaja literatura‘ findet neuerdings auch der Terminus ‚novejšaja literatura‘ (‚neueste Literatur’) Verwendung, der jedoch im Unterschied zum ersteren keinen emphatischen Gegenwartsbezug beinhaltet, sondern chronologisch verwendet wird. In ähnlicher Weise spricht man in jüngster Zeit in Spanien vermehrt von ‚literatura actual‘, um die ‚heutige Literatur’ von der vormals zeitgenössischen zu differenzieren; in Schweden verweist der Begriff ‚nutidslitteratur‘ (im Kontrast zu ‚samtidslitteratur‘, die die literarische Produktion des Zeitraums seit ca. 1970 umfasst) auf die Literatur der unmittelbaren Gegenwart; in Frankreich ist in Zusammenhängen, in denen die Aktualität betont werden soll, verstärkt von ‚littérature au temps présent‘die Rede, erkennbar auch an der Gründung des ‚Institut d’histoire du temps présentʻ sowie an der Vorbereitung eines Dictionnaire bei PUF mit dem Titel Histoire du temps présent.
 
Ein zweiter Forschungsbereich, der eine komparatistische Vorgehensweise erforderlich macht, betrifft die Einflüsse von Globalisierungsprozessen auf Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Es gilt zu untersuchen, inwiefern sich Globalisierungstendenzen im Allgemeinen (die zunehmende kommunikative Vernetzung und die damit einhergehende ‚time-space-compressionʻ, vor allem aber die verstärkte Synchronisierung vormals lokaler Eigenzeiten zu einem umfassenden Zeitregime des ‚global presentʻ) sowie literarische Globalisierungsphänomene im Besonderen (die Entstehung eines globalen Buchmarkts mit transnational agierenden Verlagsunternehmen; die Herausbildung von global English als der neuen literarischen lingua franca; die zunehmende Produktion von Werken, die von vorneherein für ein globales Publikum konzipiert sind) auf die Herstellung literarischer Gegenwartsbezüge auswirken. Damit verbunden ist die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen den Begriffen ‚Weltliteratur’ und Gegenwartsliteratur’. Es fällt in der Tat auf, dass diese Begrifflichkeiten bereits zum Zeitpunkt ihrer historischen Emergenz aufeinander verweisen. Schon Goethe stattet sein Konzept der Weltliteratur mit einem emphatischen Gegenwartsbezug aus: Die „Epoche der Welt-Literatur“ sei „jetzt ... an der Zeit“1, wobei dieses ‚An-der-Zeit-Seinʻ auch konkret als Aufforderung zur Orientierung an der literarischen Produktion der Gegenwart begriffen werden muss: Die Autoren sollen sich demnach nicht mehr (nur) an den zeitlosen Mustern der Antike, sondern an dem Schaffen der internationalen Zeitgenossen orientieren, sei es in Form der Aneignung, sei es in Form der Abgrenzung. Eine der frühesten literarhistorischen Abhandlungen über die Gegenwartsliteratur, Theodor Mundts Geschichte der Literatur der Gegenwart (1842; zweite erweitere Auflage 1853), ist transnational angelegt und untersucht die verschiedenen europäischen Gegenwartsliteraturen in ihrer Wechselbeziehung; dabei wird explizit auf das Konzept der ‚Weltliteratur’ eingegangen. Solchen konzeptuellen Interferenzen zwischen Welt- und Gegenwartsliteratur und ihrer Geschichte gilt es nachzugehen.
Besondere Aufmerksamkeit muss dabei auf die aktuelle Phase literarischer Globalisierung gerichtet werden, in der transnationale Produktions- und Rezeptionsbedingungen neue Formen von Gegenwartsbezüglichkeit hervorgebracht haben. Globalisierung potenziert dabei Tendenzen, die in der nationalstaatlichen Integration bereits angelegt sind. Wenn die moderne Nation nach Benedict Anderson als Gemeinschaft von Menschen definiert werden kann, die dieselbe Gegenwart teilen, und wenn nach Franco Moretti neben der Tageszeitung der Roman das wichtigste Medium zur Konstitution einer solchen Gegenwart markiert, dann stellt sich die Frage, welche Medien an der Herstellung einer global dimensionierten Synchronizität beteiligt sind und welche Funktion dabei der Literatur bzw. spezifischen literarischen Genres zukommt. Viele Indizien sprechen dafür, dass die Verschränkung von Welt- und Gegenwartsbezüglichkeit im Zuge der jüngsten Globalisierungsschübe eine neue Qualität gewonnen hat: In der Gegenwartsliteraturforschung wird etwa die Auffassung vertreten, dass Gegenwartsliteratur sich sinnvoll nur noch in einem transnationalen Rahmen analysieren lasse – Gegenwartsliteratur sei per definitionem Weltliteratur. Die Weltliteraturforschung widmet sich auf der anderen Seite dem Phänomen der ‚global fictionʻ bzw. ‚global literatureʻ – Texten, die ihre lokalen und historischen Wurzeln zu kappen versuchen, um für ein heterogen zusammengesetztes globales Publikum verständlich zu sein, und dergestalt einen intensiven Gegenwartsbezug ausbilden.
 
Eine komparatistische Komponente besitzt das Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs schließlich auch noch in einer dritten Hinsicht: Im Sinne der ‚Interart Studiesʻ soll die Gegenwartsbezüglichkeit der Literatur mit derjenigen der anderen Künste korreliert werden. Aufschlussreich ist hier vor allem der Vergleich mit der bildenden Kunst. ‚Zeitgenössische Kunst’ ist als Kategorie eng verknüpft mit der (Selbst-)Bestimmung der Moderne seit der Romantik und/oder Baudelaire. Sie definiert sich als Reaktion auf die offiziellen Normen der Akademie bzw. der Staatskunst und ist zumeist an Gesellschaftskritik und Realismus-Debatten, mithin an Gegenwartspraktiken gekoppelt. In den letzten zwei Dekaden kehrten zahlreiche Selbstbefragungen der Kunst zurück, die sich vielfach zu kritischen Auseinandersetzungen mit dem ‚Betriebssystem Kunst' verschoben. ‚Zeitgenossenschaftʻ definiert sich weniger durch Inhalte oder neuartige Formen und/oder Medien als vielmehr (und dies gilt auch für Spielarten der zeitgenössischen Musik) durch Strategien des Umgangs mit den eigenen ‚Bedingungen der Möglichkeit’. Zuletzt hat sich das Koordinatennetz der Definition von &sbquoZeitgenossenschaftʻ erneut im Kontext der Globalisierung, der Revision eurozentrischer Kategorien und der Reflexion multipler Modernitäten erweitert. Im Bereich der Literatur lassen sich ähnliche Beobachtungen machen, z. B. die Konjunktur des Literaturbetriebsromans und die Debatte um ein starkes Konzept von ‚Weltliteratur‘ sowie die sich wiederholenden Debatten um Realismus, Engagement und Gegenwärtigkeit der Literatur.
 

Mit diesen drei Vergleichsperspektiven ist das komparatistische Potential des Forschungsprogramms natürlich noch nicht erschöpft. Wünschenswert wäre insbesondere die Einbeziehung asiatischer, südamerikanischer und afrikanischer Literaturen. Gleichwohl soll die Vergleichsperspektive in der Arbeit des Kollegs zunächst auf die genaue und detaillierte Erforschung der europäischen (inkl. nordamerikanischen) Variationen und Differenzen des Umgangs mit ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘ konzentriert sein; ein Vergleich mit außereuropäischen Kulturen der Gegenwart wäre erst auf dieser Grundlage überhaupt möglich und muss daher einem zukünftigen Projekt vorbehalten bleiben.


 1  Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. In: Schlaffer, Heinz (Hrsg.): Goethe, Johann Wolfgang. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Bd. 19. München 1986.

 

Praxeologische Perspektive 

In der Folge der Verfahrensprobleme literaturwissenschaftlicher Geschichtsschreibung und begriffsgeschichtlicher Differenzen erlaubt der (nicht erst im Qualifizierungskonzept forcierte) reflexiv kooperierende Blick auf laufende Praktiken der Gegenwartsliteratur und der Gegenwartsliteraturforschung bereits im Forschungsprogramm Ansätze zu einer Neufokussierung auch der historisierenden Wissenschaftsforschung. Hatten praxeologische Verfahren in der Beobachtung (natur-)wissenschaftlicher Habitualitäten und Routinen, in der Rekonstruktion von implizitem und situativem Wissen sowie von kooperativen Verfahren ‚im Labor’ ihren ersten Einsatzort, so profitiert inzwischen auch die Wissenschaftsgeschichte der Philologien und der Literaturwissenschaft von praxeologischen Ansätzen, die die unterschiedlichen Praktiken ‚im Seminar’ und ‚in der Vorlesung’ beobachten. Wichtige Parameter kann sie aus der Analyse von Kooperationspraktiken zwischen akademischer und außerakademischer Thematisierung von ‚Gegenwartsliteratur‘ gewinnen: Die gut erforschte enge Liaison zwischen germanistischer Forschung und Lehrerbildung führt beispielsweise schon bei Berthold Litzmann zu einer eigenständigen Legitimation der Gegenwartsliteraturforschung; so unterschiedliche Literaturwissenschaftler wie Oskar Walzel, Walter Höllerer, Peter Szondi und Erhard Schütz haben sich explizit und institutionell unterschiedlich verankert der Förderung von Gegenwartsliteratur verschrieben. In der Geschichte der Poetikdozenturen, der ‚writers in residenceʻ-Programme und in den Studiengängen für ‚creative writingʻ, die inzwischen auch in Deutschland etabliert sind, arbeiten Autor*innen und Wissenschaftler*innen zusammen an der Produktion von produktions- und rezeptionsspezifischen Kriterien und Produktionsverfahren für ‚Gegenwartsliteratur‘. Dies führt nahtlos zu den nichtakademischen gegenwärtigen Verfahrenstechniken und Praktiken bei Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur, in denen einerseits stark textbezogene, inhaltliche und formale Begriffe von Gegenwärtigkeit und Aktualität geltend gemacht werden, in denen andererseits Projektionen gegenwärtiger Popularität wirksam werden. Als Schlüsselszenen der Gegenwartsliteratur können der Umgang mit dem leeren und sich füllenden Blatt bzw. Bildschirm oder auch der Umgang des Lektorats mit unverlangt eingesandten Manuskripten interpretiert werden. Hinzu kommen z. B. die Kooperation von Presseabteilung und Feuilleton bei der Präsentation und Einschätzung von Debütromanen, dramaturgische Konzepte der Rezeption von nicht-dramatischer Gegenwartsliteratur im Theater, archivarische Entscheidungen der Vorlass- und Nachlassregelung lebender Autor*innen, Aufnahmeverfahren für Studiengänge im kreativen Schreiben, Jury-Diskussionen und -Abstimmungen; in den Blick kommen Verfahren des Zusammenschlusses und der Kollaboration gleichgesinnter Autor*innen ebenso wie Textpraktiken der Vergegenwärtigung: So wird nicht nur in belletristischen Klappentexten und Verlagsankündigungen Aktualität beschworen, auch neuentwickelte Paratexte (z. B. der Spendenaufruf in Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen (2015), Wolfgang Herrndorfs Blog Arbeit und Struktur (2010-2013), die Websites zu Ulrike Draesners Sieben Sprünge vom Rand der Welt (2014) und zu Juli Zehs Unterleuten (2016) und dessen sequels) generieren ein interaktives, manchmal kooperatives Zusammenspiel der wechselseitigen Präsenz von Textreferenz, Autor*innen und Leserschaft. Die zuletzt diskutierte Frage, ob sich etablierte Institutionen, Akteure, Aktanten und literarische Textpraktiken der Gegenwartsliteratur ‚im Netz‘ komplett auflösen, lässt sich sinnvoll ebenfalls nur mit praxeologischen Instrumenten bzw. Interventionen beantworten, weil sie jenseits von kurrenten Niedergangsfantasmen die Etablierung neuer Kooperationsverfahren zu beobachten erlauben, die auch im Vergleich mit den anderen Künsten zu beschreiben sind.
 
Auf diese Weise ist im Graduiertenkolleg auch das Vorurteil zu bekämpfen, das den Akteuren des sogenannten ‚Literaturbetriebs‘ automatisch ein fehlendes oder falsches Bewusstsein von dem zuschreibt, was sie determiniert und steuert. Statt Reflexionsdefizite zu unterstellen, wird allen Beteiligten, von den Doktorand*innen und Betreuer*innen bis zu den Partner*innen aus der Praxis im Modus von Dialog, Interview, Beobachtung und Kooperation nahegelegt, Aufschluss über das zu geben, was sie antreibt, sodass durch wechselseitige, iterative Beobachtungen und kommunikative Prozesse Latenzen analysierbar werden. Welche Art von Quellen, Dokumentation und Auswertungsverfahren in den Prozessen dieser Art von kooperativer Beobachtung im Unterschied zu traditionellen Distanzierungsverfahren entstehen, wird methodologisch in den Lehrformaten des Graduiertenkollegs zu diskutieren sein.
 
 
 

 

 

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