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Forschungsfragen

des Graduiertenkollegs Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses

Inhaltsverzeichnis

1) Was ist Gegenwart?
Oder: Begriff, Problem und Geschichte der Gegenwart

2) Was ist Gegenwartsliteratur?
Oder: Das Problem der (literarischen) Gegenwartsreferenz und der Vergegenwärtigung von ‚Gegenwart‘

3) Was ist Gegenwartsliteraturforschung?
Oder: Das wissenschaftsgeschichtliche Problem der ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘

4) Wie wird Gegenwart/Literatur gemacht?
Oder: Praxeologische Perspektiven auf ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘


 

Ziel des Graduiertenkollegs ist es, die Beziehungen zwischen ‚Literatur‘ und ‚Gegenwart‘ vergleichend in ihren historischen sowie europäisch-nordamerikanischen Erscheinungsformen zu untersuchen: Die Forschungsprojekte richten sich auf die historischen und aktuellen Konstitutionsbedingungen von Gegenwart, (Gegenwarts-)Literaturen und Gegenwartsliteraturforschung sowie auf ihre Interdependenzen. Will man die genannten Defizite beheben und Gegenwartsliteraturforschung von ihren historischen und praktischen Voraussetzungen her umfassend in den genannten Aspekten entfalten (Gegenwart/Literatur/Forschung/Praxis), so ergeben sich die vier im Folgenden zu entfaltenden, eng miteinander zusammenhängenden Frageperspektiven. Der praxeologische Teilbereich des Forschungsprogramms fungiert als Scharnier zu den berufspraktischen Komponenten des Qualifizierungskonzepts.

1) Was ist Gegenwart?
Oder: Begriff, Problem und Geschichte der Gegenwart

Eine umfassende, europäisch vergleichende Historisierung der verschiedenen Gegenwartsbegriffe und die Analyse ihrer jeweiligen diskursiven Kontexte und Erscheinungsweisen ist die Grundlage des Kollegs. Darüber hinaus sind Nachbarkonzepte wie ‚Aktualität‘, ‚Zeitgenossenschaft‘, ‚Engagement‘, aber auch ‚Anachronismus‘ und ‚Unzeitgemäßheit‘ etc., in ihren Relationen zu sozial- und medienhistorischen Entwicklungen zu untersuchen. Die Semantik der Gegenwart ist zudem von einer Reihe zum Teil unhinterfragter figurativer Momente geprägt: So implizieren z. B. die Punktualität der Gegenwart, aber auch ‚Nähe‘ und ‚Distanz’ zur Gegenwart metaphorische Logiken, die unterschiedliche epistemologische Probleme markieren. Das gilt auch für Figuren der Diskontinuität, des „just, eben jetzt, gerade“ sowie für Reflexionen der „Nachträglichkeit“ oder des medialen „Nachlebens“ von Vergangenheit. 
 
Erste Überlegungen dazu finden sich in der französischen Querelle des anciens et des modernes gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in der zur Debatte steht, ob man weiterhin die Antike als Modell nachahmen solle, oder ob die Gegenwart des ‚siècle de Louis le Grand‘ nicht kulturell erheblich fortgeschrittener sei als die Welt der Alten. Das dieser Debatte entspringende Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen Gegenwart führt zum historischen Denken, welches sich am Ende der Aufklärung als neues epistemisches Paradigma durchsetzen wird. Geschichtstheoretisch ist es Friedrich Schiller, der zum ersten Mal und wirkmächtig in seiner Jenaer Antrittsvorlesung (1789) dezidiert die Gegenwart zum Ausgangspunkt der Geschichtsschreibung macht, indem der Universalhistoriker nun ausschließlich nach den Begebenheiten fragen soll, „welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen […] Einfluß gehabt haben“1 . Der Begriff der Universalgeschichte mit seinem Postulat eines globalen kausalen Entwicklungszusammenhangs ist gleichursprünglich mit dem Begriff der Gegenwart, als derjenigen „Weltlage“2, von der aus und im Hinblick auf welche historischen Konstruktionen unternommen werden; und er ist gleichursprünglich mit der zeithistorischen Begriffstrias von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Deutschen. Wie sich solche Prozesse der Verzeitlichung als Gegenwartsbewusstsein, d. h. als Selbstverortung der jetzt Lebenden innerhalb einer sich permanent verschiebenden Gegenwartszeit, niederschlagen und welche Voraussetzungen, Konsequenzen und Effekte dies hat, ist im europäischen Vergleich zu untersuchen.
 
Das betrifft etwa die Entstehung der Öffentlichkeit, deren Zusammenhang mit der Verzeitlichung der Gegenwart in den bisherigen Rekonstruktionen ihrer Entstehung weitgehend unberücksichtigt bleibt. In Kants Schrift Was ist Aufklärung? (1784) ist aber das entscheidende Argument für den freien öffentlichen Vernunftgebrauch in Schriften das Recht jeder Gegenwart zu entscheiden, ob sie die aus der Vergangenheit überkommenen Verhältnisse bewahren oder verändern möchte. Dieser Gedanke, der die Öffentlichkeit als Organon der Selbstgegenwärtigkeit einer Gesellschaft begreift, d.h. als Bedingung der Möglichkeit jeder gegenwärtigen Generation, über sich selbst bestimmen zu können, ist als Artikel 28 Teil der Déclaration des Droits de L’Homme et du Citoyen vom Juni 1793 geworden: „Un peuple a toujours le droit de revoir, de réformer et de changer sa Constitution. Une génération ne peut assujettir à ses lois les générations futures”3.
 
Die Emergenz eines reflexiven und verzeitlichten Begriffs von ‚Gegenwart‘ ist über die geschichtliche Zeit hinaus in der Verknüpfung mit Konzepten der biologischen (Jugend, Alter, Generation), der evolutionären (Präformation, Epigenese, Veränderbarkeit der Arten, Vererbung) sowie auch der erdgeschichtlichen Zeit (Sprengung der biblischen Zeitrechnung, Entdeckung der Tiefenzeit) zu analysieren. Die Lesbarkeit der eigenen Gegenwart generiert spätestens im 19. Jahrhundert eine eigene gegenwartsdiagnostische Textgattung (vgl. Johann Gottlieb Fichtes Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, 1806, Ernst Moritz Arndts Geist der Zeit, 1807, aber auch Texte wie Die Fragen der Gegenwart und das freye Wort, 1845, von Hermann Kurz sowie Die Bilanz der Moderne, 1904, von Samuel Lublinski; für den englischsprachigen Bereich: William Hazlitt, The Spirit of the Age, 1825; John Stuart Mill, The Spirit of the Age, 1831; Richard H. Horme, A New Spirit of the Age, 1844; Frank Clifford, The Present Age or Men and Manners, 1851; Samuel Warren, The Intellectual and Moral Development of the Present Age, 1853; Washington Gladden, Ruling Ideas of the Present Age, 1895; für den russischen Bereich: die von Belinskij, Nekrasov, Grigorovič, Turgenev und Dostoevskij herausgegebenen Sammelbände Fiziologia Peterburga und Petersburgskij sbornik, 1845/46; Mikhail Lermontovs Roman Geroj našego vremeni/Ein Held unserer Zeit, 1837-40). 
 
Damit wird die Zeit der Gegenwart selbst zu einer Art Text, der ein gleichsam indexikalisches Lesen der je eigenen Zeit voraussetzt. Dieser Text der Gegenwart wird einerseits im Hinblick auf Zukunft gelesen, provoziert aber andererseits auch Hypothesen über vergangene Gegenwarten. Gegenwartsanalysen, Zukunftsszenarien und Vorgeschichtskonstruktionen gehen Hand in Hand und (re)etablieren narrative Plausibilitäten zur Lesbarkeit der Gegenwart in Begriffen wie Fluch, Trauma, Vererbung, Perfektibilität, Nachhaltigkeit etc. Gegenwart ist dann immer schon eine von der Vergangenheit unterlaufene oder gar heimgesuchte Gegenwart oder eine von der (imaginierten, simulierten) Zukunft bestimmte, angeleitete oder herausgeforderte Gegenwart.
 
Zu den zu erforschenden Dimensionen einer Geschichte der ‚Gegenwart‘ gehören auch die Praktiken im (literarischen) Umgang mit der Zeit der Gegenwart und ihr jeweiliges medienhistorisches Apriori: Buchdruck und Presse (Publizistik, Zeitschriften, Tageszeitung) Onlinemedien (Web, Blog, Twitter etc.), Techniken und Aufschreibe- bzw. Erfassungssysteme der Zeit: von Kalendern, Uhren, Tagebüchern über Statistiken und Formulare bis hin zu optischen und akustischen Medien (Camera obscura, Daguerreotypie, Photographie, Phonographie, Film, Video etc.) sowie zu schriftlichen und mündlichen Kommunikationsmedien (Brief, Telegraphie, Telefon, E-Mail, SMS, Tweet). Sie alle haben Implikationen für Konzepte der ‚Gegenwart‘. Insbesondere ist nach dem Zusammenhang eines reflexiven Zeitbegriffs von ‚Gegenwart‘ mit Medien, Techniken und Formen des Dokumentarischen zu fragen, vom sozialen Drama bzw. Sozial- oder Zeitroman bis zu Medien der technischen Reproduzierbarkeit, vor allem Photographie, Phonographie und Film. Im Hinblick auf technische Aufzeichnungsmedien ist die Unvereinbarkeit von Diskurs und Iterabilität mit der „lebendigen Gegenwart“ der Zeugenschaft zu analysieren. Ob und wie Gegenwart als Zeit und Zeit als Gegenwart konzeptualisiert werden, ist generell eine Frage, die zeit- und medientheoretische Aspekte eng verklammert. Wie Formen der Medientechnik (einschließlich ihrer digitalen Spielarten), der Intermedialität und der „Inframedialität“ Darstellung und Reflexion von Zeit jeweils fundieren, ist im Hinblick auf die Historizität der Semantik der Gegenwart zu untersuchen.

1   Schiller, Friedrich: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? In: Dann, Otto (Hrsg.): Friedrich Schiller: Werke und Briefe. Bd. 6. Frankfurt am Main 2000.
2   Ebd.
3   Zit. n. Parnes, Ohad/Vedder, Ulrike/Willer, Stefan: Das Konzept der Generation. Eine Wissenschafts und Kulturgeschichte. Frankfurt am Main 2008.             siehe auch: Sloterdijk, Peter: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne. Berlin 2014.
 
 

2) Was ist Gegenwartsliteratur?
Oder: Das Problem der (literarischen) Gegenwartsreferenz und der Vergegenwärtigung von ‚Gegenwart‘

Die Gegenwartsliteraturforschung hat bisher nicht ausreichend zwischen jetzt erscheinender Literatur und Gegenwartsliteratur in einem programmatischen Sinne unterschieden: Das Verhältnis zwischen den historisch variablen Gegenwartskonzeptionen und den ästhetisch-literarischen Eigenzeiten, die literarische Texte als aktuelle, zeitgenössische oder engagierte in einem emphatischen Sinn schreibverfahrenstechnisch oder programmatisch-paratextuell realisieren, ist nicht trennscharf geklärt. Das hat damit zu tun, dass bereits eine begriffsanalytische Perspektive auf den Terminus ‚Gegenwartsliteratur‘ und seine Entsprechungen in anderen europäischen Literatursprachen weitgehend fehlt: Vorab ist zu klären, seit wann der Begriff selbst verwendet wird und in welchen Kontexten sich sein Gebrauch etabliert. Zu dieser Analyse gehört auch die Frage, inwiefern der Begriff im Sinne eines genitivus subjectivus verstanden wird und die Gegenwart somit als Subjekt der Literatur, sozusagen als ihr Autor, erscheint oder aber im Sinne des genitivus objectivus, d.h. als Bezugnahme der Literatur auf Gegenwart als ihr Objekt. Wichtig ist auch, den Gründen dafür nachzugehen, warum in anderen europäischen Sprachen hierzu keine exakte Entsprechung existiert. Zu erforschen sind die spezifischen Differenzen der Formen und Konzepte von Gegenwartsbezügen, die den Begriffen ‚contemporary literature‘, ‚littérature contemporaine‘, ‚letteratura contemporanea‘, ‚literatura contemporánea‘, ‚sovremennaja literatura‘, ‚literatura współczesna‘ und ‚samtidslitteratur‘ jeweils zugrunde liegen. Schließlich sind die „Schreibweisen der Gegenwart“1  zu untersuchen und die Weisen, wie Texte sich auf Gegenwart beziehen und wie und seit wann sie Aktualität, Engagement oder aber Transaktualität beanspruchen. In diesem Kontext ist die Gegenwartsliteraturforschung eine Zuspitzung texttheoretisch-hermeneutischer und rhetorischer Reflexionen über den historischen Zusammenhang von Text, Handlung, Singularität, Situationalität und Situationsenthobenheit. Zu analysieren sind außerdem Evidenzfiguren, wie sie mit der Hypotypose bzw. der Energeia verbunden werden, Momente von Plötzlichkeit und Punktualität, Umschläge von Vergangenheit in Zukunft und die Verfahren literarischer tableaux und ekphráseis. Profitieren kann eine solche Analyse von einer medienästhetisch komplementären Perspektive auf musikalisch-klangliche Strategien, die im selben kategorialen Register eine Vielzahl von kompositorischen Gestaltungstechniken entwickelt und mitunter (wie im Fall von John Cage oder Bernd Alois Zimmermann) zu ästhetisch-programmatischen Konzepten ausgearbeitet haben.
 
Verfahren (ästhetischer) Gegenwartsreferenz sind historisch je unterschiedlich assoziiert mit Aufschreibesystemen und technischen Medien der Zeiterfassung und der Präsenzproduktion. Seit dem 18. und punktuell bereits im 17. Jahrhundert etabliert sich eine produktive Konkurrenz zwischen Literatur und Journalismus sowie zwischen ‚policeylicher‘ Überwachung und Sittengemälden, Reisebildern und tableaux. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich darüber hinaus eine Beziehung zwischen Statistik und literarischen Texten (vgl. z. B. Droste-Hülshoffs ethnografisch verfahrende Westphälische Schilderungen aus einer westphälischen Feder (1845)) bzw. zwischen Sozialwissenschaften, Ethnologie, Philologie und Literatur.
 
Der Konnex zwischen Medien und Formen ist gerade im Hinblick auf solche literarischen Gattungen zu untersuchen, deren Gegenwartsbezug Effekt dieser Kopplung ist: Briefromane, Fortsetzungsromane, SMS-Romane, Internetromane, Fanfiction, Textadventures, Twitterromane (Twitteratur) etc. Der Zeitabstand zwischen Abfassung und Publikation des Textes, wie er für den Druck konstitutiv ist und bereits im Briefroman des 18. Jahrhunderts durch die Datumsangabe (etwa in Goethes Werther) selbst thematisch wird, hebt sich in den neuen digitalen Medien fast völlig auf, lässt im Bereich interaktiver Formate neue Begriffsfelder der Organisation von Gegenwart emergieren (Echtzeitfeedback, Laufzeiten, Flow, time-sharing, Abtastraten, Interprozesskommunikation, mapping etc.) und findet Niederschlag in neuen, echtzeitbasierten digitalen Narrationsverfahren. Vor diesem Hintergrund sind die historischen Praktiken der (literarischen) Datierung bzw. der Selbsthistorisierung von Texten durch datierbare Gegenwartsreferenzen zu untersuchen.
 
Das impliziert auch, die in diesem Zusammenhang historisch jeweils beobachtungsleitenden „Gemeinplätze“ in ihren z. T. aporetischen Implikationen zu analysieren, so etwa diejenigen, die die Kopräsenz von Schreiben und beweglichen, lebendigen Gegenständen der Gegenwart bezeichnen: Mitschrift, Protokoll, Seismographie, Phonautographie, Selbstbeobachtung, Selfies etc. Dass sich die Gegenwart der Erkenntnis und dem Schreiben zugleich entzieht, dass nur eine Teilmenge der gegenwärtigen Literatur Aktualität, dass nur eine weitere Teilmenge Zukunftsfähigkeit besitzt, scheint zu den doxai zu gehören, die eine latente, aber grundlegende Funktion besitzen. Weiterhin müssen diejenigen Topoi untersucht werden, die die Literatur der Gegenwart und ihre diskursive Reflexion mit weiteren kulturellen Feldern vermitteln.

1  Schumacher, Eckhard: Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart. Frankfurt am Main 2003.
 
 

3) Was ist Gegenwartsliteraturforschung?
Oder: Das wissenschaftsgeschichtliche Problem der ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘

Die literaturwissenschaftliche Fachgeschichte ist in mehrfacher Hinsicht (und nicht nur in Deutschland) vom Problemkomplex ‚Gegenwart‘ geprägt. Einerseits gilt dies für die Tatsache, dass Texte immer gegenwärtig sind.1 Diese Gegenwärtigkeit war vom Beginn an ein zentrales Problem für die Wissenschaftlichkeit des Umgangs mit literarischen und insbesondere zeitgenössischen literarischen Texten. Die Konstitutionsgeschichte der Literaturwissenschaft ist wesentlich geprägt von der Ausklammerung dieser Gegenwärtigkeit. Wissenschaftlichkeit konnte dagegen für die Arbeit von Philolog*innen und Literaturhistoriker*innen reklamiert werden, sodass das Einklagen des historischen Abstands als Voraussetzung von Wissenschaftlichkeit bis heute ein gängiges Argument ist. Es ist zu fragen, ob hier stärker hermeneutische Argumente oder institutionelle Regularien zur Geltung gebracht werden. Andererseits ist die Bezugnahme auf Literatur der Gegenwart ein bisher zu wenig beachteter Motor in der langen Geschichte der Institutionalisierung der Literaturwissenschaft. Sie entwickelt sich aus der älteren Philologie und der Literaturgeschichte in mehreren Etappen zumindest in Richtung von Gegenwartsliteraturwissenschaft: Von den philosophischen Interpretationen der 20er und 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zu den damaligen Gegenwartstexten von Goethe (z. B. Hermann Friedrich Hinrichs 1825 über Goethes Faust) über die ersten öffentlichen Vorlesungen über die ‚Literatur der Gegenwart‘ von Theodor Mundt und Robert Eduard Prutz in den 1840er Jahren bis hin zur Programmatik einer Gegenwartsliteraturforschung bei Wilhelm Scherer, Eugen Wolff, Richard M. Meyer und vor allem Berthold Litzmann um 1900. 
 
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts findet, erst langsam, dann nach dem zweiten Weltkrieg sprunghaft ansteigend, in Deutschland der Begriff ‚Gegenwartsliteratur‘ Verwendung. Aus komparatistischer Perspektive ist im Rahmen der wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtung der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die akademische Beschäftigung mit Literatur in anderen europäischen Ländern (insbesondere in Großbritannien) in weniger emphatischer Weise einen Prozess der Verwissenschaftlichung durchlaufen hat: Bereits der Name der Disziplin (Literary Criticism) bringt zum Ausdruck, dass die szientifische Analyse hier von Wertungsfragen nie ganz getrennt wurde. In ähnlicher Weise verstehen sich – unter dem fortdauernden Einfluss von Theodor W. Adornos ästhetisch-philosophischer Argumentation – musikwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der sogenannten ‚Neuen’ bzw. zeitgenössischen Musik lange Zeit noch als „Beiträge“ zu einer an der „geschichtlichen Tendenz der musikalischen Mittel“ und dem Stand des „Materials“ orientierten Diskussion ‚zeitgemäßer’ kompositorischer Techniken (vgl. u. a. die Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 1958ff oder die Studien zur Wertungsforschung 1969ff). Sie bilden gemeinsam mit den u. a. von den Rundfunkanstalten (Musik der Zeit, Musik der Gegenwart, pro musica nova etc.) oder einzelnen Komponist*innen (musica viva etc.) begründeten Programm- und Konzertreihen, den neugeschaffenen Produktionsstätten (Studio für elektronische Musik Köln, IRCAM, Paris etc.) und den Initiativen des Deutschen Musikrates (Edition Zeitgenössische Musik/WERGO) einen Gesamtkomplex, der das Musikleben nach 1945 entscheidend prägt. Im Kontext experimenteller Sprachkompositionen und Literaturvertonungen erwachsen hieraus zugleich zahlreiche Schnittstellen zu Literaturforschung und ‚Literaturbetrieb’.
 
Vor diesem Hintergrund ergeben sich weitreichende Fragen nach den disziplin-internen und  externen Faktoren der Konjunkturen von Gegenwartsliteraturforschung. So ist hier z. B. den Gründen für die Verspätung nachzugehen, mit der Gegenwartsliteraturforschung an englischen und französischen Universitäten etabliert wurde. Dass die Disziplin English in ihren Anfängen als „the poor man’s Classics“ stigmatisiert und an den Universitäten von Oxford und Cambridge erst im 20. Jahrhundert als Studienfach zugelassen wurde, hatte Konsequenzen für die akademische Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur: Die enge Ausrichtung an der klassischen Philologie, mit der sich das Fach zu nobilitieren suchte, schloss den Umgang mit Gegenwartsliteratur lange Zeit kategorisch aus.
 
Hier sind die bislang noch folgenlosen praxeologischen Ansätze für die Geschichte der Gegenwartsliteraturforschung weiter fruchtbar zu machen. Sie verbinden ethnographische, wissenssoziologische und handlungstheoretische Ansätze: In einer Kombination von Regel- und Anwendungswissen konturiert sich eine latente Praxis, die etwa explizit gemacht wird, wenn Studierende oder Berufsanfänger*innen in sie eingeführt werden. Hier wurde z. B. innerhalb der Literaturwissenschaft historisch je unterschiedlich vermittelt, wie Neuerscheinungen bewertet werden, welche lebenden Autor*innen kontinuierlich im Hinblick auf ihre Publikationstätigkeit zu beobachten sind und welchen Themen Gegenwartssignifikanz zugeschrieben wird, sodass ein auf Zukunftsfähigkeit kalkulierender Kanon der Gegenwartsliteratur entsteht. Die Implikationen teilnehmender, aber vor allem auch nicht-teilnehmender Beobachtung sind für literaturwissenschaftliche Praktiken im Schnittfeld von Lehre (Einführungs- und Handbuchliteratur), Forschung (Projektzuschnitte, implizite Wertungen, Drittmittelgeber) und Öffentlichkeitsbezug (Poetikdozenturen, Jury-Mitgliedschaften) zu analysieren.
 
Zu diesem Gesamtkomplex zählt auch die Neujustierung editionsphilologischer Parameter auf der Grundlage praxeologischer und texttheoretischer Perspektiven: Dass lebenden oder jüngst verstorbenen Autor*innen nur selten eine Werkedition zuteil wird, hat auch mit der latenten Überzeugung zu tun, dass Gegenwartsliteratur in größeren Editionszusammenhängen mortifiziert und dem ‚Leben’ entzogen wird. Dass und seit wann der Edition umgekehrt eine Vergegenwärtigungsleistung lange vergessener Texte und – in der critique génétique bislang im Dunkeln der Archive liegender Schreibprozesse zugeschrieben wird, ist ebenfalls zu untersuchen. Ein eigenes Teilprojekt soll sich den literarischen Übersetzungen und den Selektionen und Akkomodationen (etwa in der Schule) widmen, die als (Re-)Aktualisierungsverfahren einen zentralen Bereich der Gegenwartsliteratur ausmachen.

1  Vgl. Weimar, Klaus: Enzyklopädie der Literaturwissenschaft. 2. Aufl. Tübingen/Basel 1993.
 
 

4) Wie wird Gegenwart/Literatur gemacht?
Oder: Praxeologische Perspektiven auf ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘

Jenseits des literaturwissenschaftlichen Binnenraums kommen schließlich jene bislang eher kasuistisch erfassten und allererst noch zu systematisierenden Praktiken in den Blick, die in unterschiedlichen Institutionen und in literaturkritischen Genres ‚Gegenwartsliteratur‘ kontinuierlich generieren, reflektieren und zu beeinflussen suchen. Dass Gegenwartsliteratur kein selbstverständlicher Gegenstandsbereich ist, sondern gemacht wurde und gemacht wird, ist bisher nur in Ansätzen oder unter den autorpositionsfixierten Vorzeichen der Feldtheorie Bourdieus untersucht worden. Doch ihrerseits in Tableaus mündende Beobachtungen der Zuschreibung von Relevanz und kulturellem Kapital sind unzureichend, um historisch variante Gegenwartspraxen zu untersuchen: Nicht nur das aktuelle ‚ästhetische Engineering‘, die Werbestrategien der Buchbranche oder die Reaktualisierungsverfahren in Literaturausstellungen und in Erwerbungs- und retrieval-Verfahren in Bibliotheken und Literaturarchiven, sondern auch historische Verfahren der Produktion von Gegenwartsliteratur sind jeweils im interkulturellen und im Vergleich der Sprach-, Bild und Sound-Künste mit zu analysieren, um die Selbstverständlichkeiten und Automatismen gegenwartsliterarischer Praktiken aufzubrechen.
 
Der sogenannte Literaturbetrieb ist bisher vor allem in sozialwissenschaftlich geprägten Überblicksdarstellungen und in literarischen Texten aufgearbeitet worden, während sich die Gegenwartsliteraturforschung aufgrund ihres praxeologischen und historischen Defizits erst in Ansätzen dieser spezifischen Gemengelage von Rollen, Texten und Praxen angenommen hat. In traditionsreichen und in jüngst neu entwickelten Institutionen wie Verlagen, Zeitungen, Stiftungen, Jurys, Literaturhäusern, Studiengängen für kreatives Schreiben, im Theater, in den Empfehlungen der nationalen Kulturinstute, in Schulen und Universitäten, aber auch in den Literaturgeschichte und Kanon kuratierenden Institutionen (Archiv, Bibliothek, Museum) wird von den Akteur*innen je unterschiedlich Gegenwartsliteratur generiert und prozessiert: In Formen oft heterogener Kooperation (mit und ohne Konsens) wird darüber entschieden, welche Normen und Formen sich in gegenwartsliterarischen Texten manifestieren. Bei Textproduktion und -distribuierung, in heterogenen Lehr- und Lernsettings, in Beratungsszenarien und Konkurrenzpraktiken sind implizites normatives und deskriptives Wissen sowie Mechanismen der gegenwartsliterarischen ‚Professionalisierung’ zu analysieren. Dies gilt auch für die teils arkanen, teils offensiv und argumentativ publik gemachten Lektüre- und Bewertungspraktiken, die in Zuständigkeitszuschreibungen und impliziten Quotierungen bei Preis- und Stipendienvergabe zur Geltung kommen. In den Werbe- und Öffentlichkeitsabteilungen der Verlage erproben Marketingstrategien im Abgleich mit den Redaktionen der massenmedialen Literaturformate und dem Buchhandel die aufmerksamkeitssteuernde Präsentation von gegenwärtig erscheinender Literatur, welche thematisch, aber auch im Hinblick auf die Formate und die Adressierung ganz unterschiedlichen Vorgaben folgen kann. Literaturhäuser und Festivals konfigurieren über ihre Programmgestaltung ein komplexes agenda-setting und determinieren, was als gegenwärtig und mit Gegenwartsreferenz ausgezeichnet und kontextualisiert wird. Die Rolle von Gegenwartsautor*innen konturiert sich in diesem Zusammenhang als ‚Grenzobjekt‘ zwischen medialem Exzess und offensivem Rückzug aus der Öffentlichkeit, oft einhergehend mit kulturkritischen und gegenwartsdiagnostischen Programmen und Zuschreibungen, deren funktionale Einbindung u. a. in Praktiken der Profilierung beobachtet werden muss. Nicht nur auf dieser, sondern auf allen Ebenen des ‚Literaturbetriebs’ sind starke und schwache Netzwerkstrukturen zu analysieren, die über face-to-face-Kommunikation, Briefwechsel, Verlagsprospekte und -websites, Newsletter, Twitter-Follower, Facebook- und Whatsapp-Gruppen eine jeweilige Binnen-Gegenwart erzeugen, welche je unterschiedlich mit anderen Gegenwarten gekoppelt sein kann.
 
Dies alles lässt sich nicht auf die nationale Ebene und auf das Medium Buch beschränken, sondern muss als historisch generierte, internationale, intermediale und zwischen den Künsten angesiedelte Konstellation betrachtet werden, in der jeweils Gegenwartsliteratur fabriziert wird. Der weltweite Erfolg z. B. von Fantasy-Romanen kommt dann ebenfalls in den Blick, wie andere populäre Gattungen, die just in time durch Übersetzungen, Verfilmungen und Transformationen in Computerspiele ein inklusiv gedachtes internationales Publikum erreichen. Die Globalisierung des Buchmarktes und die Entstehung großer transnationaler Verlagsunternehmen, die Strategien für die weltweite Vermarktung und ein globales Distributionssystem entwickelt haben, verstärken diese Tendenzen. Dazu gehört vor allem das Timing von Übersetzungen, die immer häufiger zeitgleich mit dem Original publiziert werden. Das Phänomen des ‚Weltbestsellers’ bezeugt die Effizienz solcher Strategien. Daran arbeitet sich die auf Höhenkammgeltung und Exklusivität zielende Literatur ab, indem sie sich einerseits rekursiv darauf bezieht und andererseits durch bestimmte Negation und Transaktualisierungstechniken und -postulate davon distanziert.
 
Zu analysieren sind auch die Sammel- und Anschaffungspraktiken der Archive und Bibliotheken sowie die Präsentationsentscheidungen der Museen: Welche Routinen, Dienstwege und Überzeugungsverfahren führen etwa zu der Entscheidung, bestimmte ‚Werk’-Teile einer*eines noch lebenden Autor*in zu archivieren? Dass die Praxis des Vorlasses bzw. des Nachlasses zu Lebzeiten in jüngster Zeit als Moment der Werkpolitik und der Archivprogrammplanung eine erhebliche Konjunktur erfährt, ist im Hinblick darauf zu untersuchen, ob und wie hier jenseits von Kanonisierungspraktiken die Produktion und Projektion vergangener Gegenwärtigkeit eine Rolle spielen. Im Kontext ihrer soziokulturellen, technischen und infrastrukturellen ‚Neuerfindung’ muss die gegenwärtige Anschaffungspolitik von Gegenwartsliteratur durch die Institution Bibliothek1 beobachtet werden. Museen präsentieren seit einiger Zeit forciert auch Gegenwartsliteratur, sodass die Frage nach der Funktion und den möglicherweise paradoxen Effekten solcher Schwerpunktverlagerung entsteht: Führt die programmatisch postulierte Popularisierung in der Praxis zur vorzeitigen Musealisierung? Ist der Schauwert gegenwartsliterarischer Exponate ein Hindernis oder ein Trigger für die Lektüre von Gegenwartsliteratur? 
 
Zugang zu all diesen Phänomenen verspricht die Adaption von Verfahren, die sich selektiv an einschlägigen Methoden der Geschichts- und Sozialwissenschaften orientieren: Es müssen z. B. ‚Zeitzeug*innen’ bzw. ‚Schwellenfiguren’ des ‚Literaturbetriebs’ in qualitativen Interviews befragt werden, sodass Methoden der oral history auf ihre Anwendbarkeit geprüft werden können; ‚teilnehmende Beobachtung’ und reflection in/on action kann in Form von Hospitanzen bei den Institutionen bis hin zu den Autor*innen zum Tragen kommen. Autobiographische und diaristische Quellen sind ebenso zu befragen wie unveröffentlichtes Archivgut, publizierte Reportagen, Interviews über und mit Akteur*innen oder die schon erwähnten Literaturbetriebsromane. Die Erschließungsverfahren sind zugleich professionell einzuüben und in methodischer Selbstreflexion daraufhin zu analysieren, welche Folgen und Implikationen dieses methodische Experimentalverhalten mit sich bringt und welche Versuchsanordnungen und Beobachtungsformen den gegenwartsliterarischen Akteur*innen unter Maßgabe der diskursiven Symmetrie, des Taktes und der gelingenden Kooperation tentativ zumutbar sind. Die Kollegiat*innen, die Projekte in diesem Bereich planen, müssen sich umgekehrt darauf einstellen, dass (eigene) wissenschaftliche Perspektiven und die „robuste Praxis“2 einer Beobachtung ausgesetzt werden, welche den wissenschaftlichen Binnenraum automatisierter Verfahren zum Objekt macht, befragt und möglicherweise in Frage stellt. Die praxeologische Perspektive entwickelt außerdem ein Verhältnis wechselseitiger Hintergrundbildung von aktuell-gegenwärtiger und vergangener (Gegenwarts-)Literatur; sie eröffnet die Chance, die Frage, wie über Literatur zu sprechen und wie mit ihr umzugehen sei, ganz prinzipiell zu stellen. Außerdem bildet sie ein Scharnier zu den im Rahmen der dritten Forschungsfrage skizzierten historischen und aktuellen Problemen der Literatur- und Gegenwartsliteraturforschung und nicht zuletzt zum Qualifizierungskonzept. Die hier angesiedelten Projekte sind in das gegenwärtige literarische Geschehen involviert, ohne jedoch seinen ökonomischen Zwängen komplett zu unterliegen und unmittelbar auf eine berufliche Praxis zu zielen; sie etablieren und beobachten eine Kooperationsbeziehung zu den Akteur*innen der Gegenwartsliteratur, um Kooperationen auf der Gegenstandsebene zu beobachten. Auf diese Weise führen sie die jeweils unterschiedlichen Logiken der Felder wechselseitiger Beobachtung zu, ohne sie aufeinander zu reduzieren und ohne dem Gegenüber ein falsches Bewusstsein zu unterstellen. Die Praxeologie der Gegenwartsliteratur ergänzt und vervollständigt so auf eine unvermittelt-vermittelte Art und Weise, via Beobachtung zweiter Ordnung, die vorgesehenen berufspraktischen Qualifizierungen in einem engeren Sinn.
 
Die Brücke zu Analysen der literarischen Texte bildet eine quellen- und medienkritische Perspektive auf Geschichte und Gegenwart der Literaturkritik und der literarischen Wertung, die als argumentative Text-Praxis zwischen Mitspielen, Stören und Korrigieren changiert. Hinzu kommt die Geschichte der Geno- und Paratexte, die wie z. B. Ego-Dokumente (Autobiographien, Interviews und Poetikvorlesungen) der jeweiligen Gegenwartsliteratur beigestellt werden.

1   Vgl. Pilz, Michael: Wissenschaftliche Bibliotheken und Literaturvermittlung aus wissenschaftlicher Sicht. In: Alker, Stefan/Hölter, Achim (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Bibliotheken. Göttingen 2015.
2   Martus, Steffen: Wandernde Praktiken ‚after theory‘. Praxeologische Perspektiven auf ‚Literatur/Wissenschaft‘. In: IASL 40.1.
     Star, Susan Leigh:. Kooperation ohne Konsens in der Forschung. Die Dynamik der Schließung in offenen Systemen. In: Von Strübing, Jörg/Schulz-Schaeffer, Ingo/Meister, Martin/u. a. (Hrsg.): Kooperation im Niemandsland. Neue Perspektiven auf Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik. Opladen 2004.

 

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